Die Salonkultur weist eine 200 Jahre währende kulturelle Epoche aus. Die französische Salonkultur prägte Salons in Europa und Russland. Sie wurde ein Pendant zur höfischen Kultur. Der Salon kämpfte gegen das höfische Leben an, er gab der Bourgeoisie einen „Ort des Hofes“. Leistung vor Geburtsrecht, Anstand vor Geld. Getragen von der Intention, durch die Etablierung von privaten gesellschaftlichen Zusammenkünften, einen Kontrapunkt zum höfischen Leben zu setzen und die Machtsphäre der Aristokratie außerhalb des Hofes zu behaupten. Die Salonkultur entwickelte sich erst nach der französischen Revolution zu ihrer Blüte. Der Niedergang des Hofes, der früher Schauplatz von Kunst und Kultur war, wurde durch den Salon in seiner neuen Form abgelöst. Die ständigen Diskussionen über vielfältige Themen veränderten überkommene Auffassungen. Es herrschte eine Kunstauffassung, die neben der Erschaffung von Werken Einzelner auch einen kulturverändernden Umgang determinierte. In Salons hinterfragten Aufklärungsphilosophen jene Prämissen, auf denen das herrschende politische System ruhte und verwarfen die Vorstellungen von einem von Gott geordneten Kosmos. Im Salon wurde die große französische Enzyklopädie formuliert, deren Verfasser, Diderot und d´Alembert selbst eifrige Salongänger waren.
Da die Zirkel der einzelnen Salons sich überschnitten oder identisch waren und zu den Habitués (Salonstruktur) viele ausländische Besucher gehörten (aus Russland, Schottland, Polen, England, Deutschland) entstand im Laufe von zwei Jahrhunderten europaweit ein internetähnliches kulturelles Netz.
1764-1847
Eine jüdische Göttin
Schriftstellerin, führende Berliner Salonière
Henriette Herz, als Schriftstellerin kaum bekannt, leistete mit der Begründung und Führung einer der bekanntesten literarischen Salonabende Pionierarbeit. Zunächst hielt sie Frauenkränzchen, während ihr Ehemann hochrangige Gäste aus Politik und Kultur empfing, wobei sie sich vorwiegend mit den Sturm-und-Drang-Werken Johann Wolfgang von Goethes beschäftigte. Aus diesem zwanglosen Zusammentreffen entwickelte sich der führende Berliner Salon in der Spandauer Straße. Neben berühmten Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern etablierten sich vor allem junge Literaten und Philosophen. Zu den Gästen zählten unter anderem die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt – Gelehrter und Naturforscher | Clemens Brentanos – Schriftstellerund Hauptvertreter der Heidelberger Romantik | Sophie Mereau–Brentano – Schriftstellerin | Jean Paul – Schriftsteller | Ludwig Börne – Journalist, Literatur- und Theaterkritiker | Rahel Levin (spätere Varnhagen) – Schriftstellerin und Salonière | Friedrich Schleiermacher – protestantischer Theologe, Altphilologe und Philosoph.
1771-1833
Eine Geselligkeit, einzigartig in ganz Deutschland
Schriftstellerin, Salonière
Rahel Varnhagen wurde 1771 als älteste Tochter eines jüdischen Bankiers und Juwelenhändlers in Berlin geboren. Neben Henriette Herz wurde auch Rahel Varnhagen durch die Führung eines literarischen Salons, in dem Dichter, Naturforscher, Politiker und Mitglieder des Adels auf einer Ebene miteinander verkehrten, bekannt. Berühmte Gäste waren unter anderem Ludwig Tieck – Dichter und Schriftsteller | Friedrich von Gentz – Dichter, Schriftsteller und Berater von Fürst Metternich | Ernst von Pfuel – königlich-preußischer General der Infanterie | Friedrich Schlegel – Philosoph, Schriftsteller, Kritiker und Literaturhistoriker |Wilhelm und Alexander von Humboldt – Gelehrter und Naturforscher | Friedrich de la Motte Fouqué – Dichter | Prinz Louis Ferdinand von Preußen.
1767-1854
Die Königin Mutter
Salonière
Amelie Beer, Tochter der damalig wohlhabendsten jüdischen Familie in Berlin, nutzte ihren Wohlstand vor allem dazu ihre drei Söhne zu fördern. Ihr Sinn für soziale Verantwortung und royale Gastfreundschaft, verbunden mit ihrer mütterlichen Hingabe, führte zu Ihrer Bezeichnung „Die Königin Mutter“. Der musikalisch geprägte Salon von Amelie Beer zog vor allem wichtige Vertreter des Adels und der politischen Elite an. So gehörten zu den persönlichen Freunden und Gästen unter anderem der spätere König Friedrich Wilhelm IV. und sein Bruder Prinz Wilhelm sowie der spätere deutsche Kaiser. Zu den Habitués ihres Salons zählten fast alle großen Komponisten und Virtuosen der Frühromantik, darunter ihr eigener Sohn Giacomo Meyerbeer, sowie Schauspieler, Sänger, Schriftsteller und Gelehrte.
1805-1854
Der Salon als Muse
Komponistin
Fanny Hensel war die ältere, gleichermaßen musikalisch hochtalentierte Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847). Im Jahre 1823 begannen bei der Familie Mendelssohn die bald berühmt gewordenen „Sonntagsmusiken“. In geschlossenem Kreise, mit oftmals bis zu 200 Gästen, wurden Werke von Bach, Beethoven, sowie damals zeitgenössische Musik und Werke des Bruders, Felix Mendelssohn, aufgeführt. Nach dem Weggang des Bruders, übernahm Fanny Hensel vollständig die Programmgestaltung, Komposition sowie Chor- bzw. Orchesterleitung. Zu Lebzeiten trat sie lediglich einmal als Pianistin auf, wenige Ihrer zahlreichen Werke wurden veröffentlicht.
1857-1925
Die subversive Salonière
Engagierte Feministin, Anarchistin, Sozialistin
Anna Kuliscioff, promovierte Ärztin, ist vor allem als engagierte Feministin, Anarchistin und Sozialistin bekannt. Ihr erster Mann, Pjotr Makarewitsch, wurde 1874 wegen anarchistischer Betätigung verhaftet und starb im Gefängnis, während sie selbst abtauchte und sich einer radikalen Gruppe anschloss. Als diese ausgehoben wurde, flüchtete sie im April 1877 mit gefälschtem Pass nach Paris, wo sie sich mit dem italienischen Sozialisten Andrea Costa liierte und den Namen Kuliscioff annahm. Aufgrund ihrer politischen Aktivitäten wurde sie in Frankreich, Italien und der Schweiz verhaftet. 1891 übernahm sie die Redaktion der Critica Sociale, einem der bedeutendsten sozialistischen Blätter des Landes. Als Hauptautorin arbeitete sie unter anderem zusammen mit dem italienischen Juristen Filippo Turati und der Feministin Anna Maria Mozzoni an der Gründung der PSI (Partito Socialista Italiano). Dank Anna Kuliscioff hielt die PSI stets den Kontakt zu den sogenannten orthodoxen Sozialisten, insbesondere zu Friedrich Engels.
1874-1946
Unkonventionelle Konversationen
Schriftstellerin, Verlegerin, Kunstsammlerin
Gertrud Stein ließ sich im Jahre 1903 in Paris nieder und führte ihren berühmten, mit zeitgenössischer Kunst ausgestatteten Salon zuerst mit ihrem Bruder, dem Kunstsammler und -kritiker Leo Stein, und ab 1913 mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas. Gertrud Steins Salon bot Raum für, zu damaligen Zeiten noch unbekannte, Persönlichkeiten der künstlerischen Avantgarde wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Georges Braque und Juan Gris. Ab den frühen 1920er-Jahren suchten überwiegend junge US-amerikanische Schriftsteller der Moderne, unter anderem F. Scott Fitzgerald, Sherwood Anderson und Ernest Hemingway, den Salon auf.
1864-1945
„Auf meinem Diwan wird Österreich lebendig“
Schriftstellerin, Journalistin, Kritikerin, Salonière
Bis zum Jahr 1938 führte Berta Zuckerkandl einen literarischen Salon zunächst im 19. und dann im 1. Wiener Gemeindebezirk, wo sich auch heute noch eine Gedenktafel befindet. In ihrem Salon verkehrte die künstlerische und wissenschaftliche Elite des Landes, unter ihnen Franz Theodor Csokor – österr. Schriftsteller und Dramatiker| Gustav Klimt – Maler und Vertreter des Wiener Jugendstils| Johann Strauss jun. – Komponist und Kapellmeister | Max Reinhardt – Theaterregisseur und Intendant und Arthur Schnitzler.